| Süddeutsche Zeitung 28./29. März 2002 | |
| Sanfte Streitbeilegung macht
Schule
Schlichten statt richten Immer mehr Unternehmen setzen bei Konflikten auf Wirtschaftsmediatoren Von Marion Kaufmann Wütend ballt Michael Henzler seine linke Faust, bis sich die Nägel in die Haut bohren, mit der anderen Hand knallt er den Telefonhorer hin. Dicke Luft in Henzlers Planungsburo für Metall- und Fassadenbau. Ein schwedischer Konzern hatte den Ingenieur mit dem Fassadenbau für ein Warschauer Bürohaus betraut. Während des Baues verlangten die Schweden zusätzliche, im Vertrag nicht vereinbarte Arbeiten. Als der Münchner abrechnete, weigerten sich die Schweden zu zahlen, sie hatten für die Mehrarbeit keinen formalen Auftrag erteilt. Für Henzler ein klarer Fall fürs Gericht. Doch als er seine Anwältin Cristina Lenz um rechtlichen Beistand bittet, schlägt sie ihm eine andere Lösung vor: Mediation. Da habe ich zum ersten Mal davon gehört, bekennt er. So wie Henzler geht es vielen. Sie wissen nicht, dass sich hinter dem esoterisch anmutenden Namen eine neue Form des Konfliktmanagements verbirgt, die, aus den USA kommend, auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet. Ihren Ursprung hat diese Form der außergerichtlichen Streitbeilegung in der Familien- und Eheberatung. Doch auch in der Wirtschaft wird Mediation bei Konflikten zwischen und auch innerhalb von Unternehmen erfolgreich eingesetzt. „Der Mediator gibt, anders als ein Schlichter, nur Spielweise und Melodie vor, die eigentliche Lösung müssen die Streithahne selbst erarbeiten", erklärt Cristina Lenz. Statt dem gerichtlichen Alles-oder-Nichts-Risiko stehe hier am Ende eine Win-Win-Situation. Es gibt keinen Verlierer. Auch Henzler und seine Geschäftspartner einigten sich außergerichtlich. Beide Seiten sind zufrieden und werden auch künftig zusammenarbeiten Ein Hauptvorteil der Mediation. „Man kann sich wieder in die Augen schauen und verbaut sich nicht die gemeinsame geschäftliche Zukunft", freut sich Henzler. In neun Tagen war eine akzeptable Losung gefunden und die Kosten für den Mediator weit geringer als die einer Gerichtsverhandlung. „Bald wird Mediation dem Gerichtsverfahren obligatorisch vorgeschaltet sein", prophezeit Rechtsanwalt Sven Thanheiser, Mitbegründer des Munich Negotiation Team (MUCNT). In Florida ist der Gang zum Mediator vor zivilrechtlichen Verfahren Pflicht, in Bayern zielt das Schlichtungsgesetz bereits in eine ähnliche Richtung. Vorbehalte gegen Mediation Die Bereitschaft der Unternehmen, sich freiwillig auf diese Art der Streitbeilegung einzulassen, ist durchwachsen. „Viele haben Vorbehalte, können sich nichts darunter vorstellen oder kennen den Begriff nicht", gibt Norbert Fackler, Geschäftsführer der Mediation Management Group Oberhaching und seit 1994 als Wirtschaftsmediator tätig, seine Erfahrungen weiter. Für Monika Herbutt von der Schlichtungsstelle der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern (IHK) ist Mediation eine Mentalitätsfrage. „Hierzulande will man eine Bestätigung dafür, dass man im Recht ist. Die gibt es nur vom Gericht, erklärt sie sich die Ablehnung einer gütlichen Einigung. Seit Juli 1998 arbeitet die Schlichtungsstelle zur Beilegung kaufmännischer Streitigkeiten, die von der IHK mit dem Münchner Anwalt Verein ins Leben gerufen wurde. Rund zwölf Falle im Jahr werden hier geschlichtet. Ein weiterer Grund für die Skepsis der Firmen ist die unterschiedliche Qualität der Mediatoren. „Mediator ist kein geschützter Begriff", gibt Rechtsanwältin Renate Dendorfer zu bedenken. Jeder könne sich so nennen, eine einheitliche, normierte Ausbildung für diesen Beruf fehle. Dementsprechend unterschiedlich auch das Angebot, das von dreitägigen Workshops bis zur einjährigen Ausbildung reicht. Jeder Ausbilder beruft sich dabei auf andere Qualitätsstandards. Das Institut für Mediation, Streitschlichtung und Konfliktmanagement in Poing hofft zum Beispiel, durch das Angebot eines in den USA anerkannten Abschlusses Maßstäbe zu setzen. Das Münchner Ausbildungsmodell, das von der Gesellschaft für Wirtschaftsmediation und Konfliktmanagement (gwmk) entwickelt und in Kooperation mit der IHK und der Kölner Centrale für Mediation (CfM) durchgeführt wird, erstreckt sich über fünf Module und endet mit dem IHK-Zertifikat. Auch die Mediation Management Group (mmg) in Oberhaching bietet ab Juli einen Zertifikationslehrgang Mediation mit 200 Ausbildungseinheiten. Bei der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP) lernen die Teilnehmer - vom Personalchef über den Steuerberater bis zum Rechtsanwalt - in einem Jahr die Methoden der Mediation. Dabei Vorurteile abzubauen, ist den Teilnehmern des praxisorientierten Lehrgangs wichtig. „Wir bewerfen uns nicht mit Wattebäuschchen, wie das landläufig hinter dem Begriff vermutet wird, wir sind vielmehr eine Art Hebamme bei der schweren Geburt einer Konfliktlösung", betont einer. Durch Mediation könne eine neue Streit- und Kommunikationskultur geschaffen werden, hofft Ausbildungsleiter und Mediator Stefan Kessen. Zu dieser Erkenntnis ist auch Unternehmer Henzler gekommen. Für ihn steht fest, dass er beim nächsten Konflikt sofort wieder einen professionellen Verhandlungsberater zu Rate zieht. „Es wird wirklich Zeit, dass mehr Unternehmen die Vorteile der Wirtschaftsmediation erkennen", meint er.
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